Der digitale Wandel in der produzierenden Industrie schreitet rasant voran. Automatisierung, vernetzte Produktionssysteme und der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) bestimmen zunehmend den Arbeitsalltag. Doch die Einführung moderner Technologien ist nur die halbe Miete: Der langfristige Erfolg von KMU hängt maßgeblich davon ab, wie souverän die Beschäftigten diese digitalen Werkzeuge beherrschen. Der aktuelle Monitoringauswertungsbericht zeigt, wie Unternehmen digitale Kompetenzen systematisch aufbauen und dauerhaft im Betrieb verankern können.

Zwölf Kompetenzen – Vier Klassen

Um die komplexen Anforderungen der digitalen Transformation in der Produktion greifbar zu machen, haben wir zwölf digitale Kernkompetenzen identifiziert. Diese sind in vier übergeordnete Kompetenzklassen unterteilt, die je nach Komplexität und Anwendungsbereich unterschiedliche Lernstrategien erfordern.

Abbildung 1: Einordnung digitaler Kompetenzklassen und geeigneter Lernformate in produzierenden KMU (eigene Darstellung).

Abbildung 1: Einordnung digitaler Kompetenzklassen und geeigneter Lernformate in produzierenden KMU (eigene Darstellung).

Die vier Kompetenzklassen lassen sich wie folgt charakterisieren:

1. Digitale Grund- und Selbstkompetenzen: Sie bilden das Fundament für die gesamte Belegschaft. Diese Basiskompetenzen werden vor allem arbeitsintegriert aufgebaut, um die tägliche Souveränität im Umgang mit digitalen Tools zu sichern.

2. KI- und Datenkompetenzen: Diese ermöglichen eine datengetriebene Entscheidungsfindung und den Umgang mit KI-Systemen. Hier sind anwendungs- und projektbasierte Lernsettings nötig, die konsequent an realen betrieblichen Daten ansetzen.

3. Technisch-praktische digitale Kompetenzen: Befähigen Mitarbeitende für die Anwendung digitaler Technologien in Shopfloor-Kontexten, insbesondere in der Mensch-Maschine-Interaktion. Diese erfordern verstärkt simulationsbasierte Umgebungen (z. B. VR/AR), um komplexe Abläufe sicher zu trainieren.

4. Technologisch-technische Kompetenzen: Diese umfassen Expertenwissen in Programmierung und IT-Sicherheit. Der Aufbau erfolgt hier meist über intensive, fachspezifische Projektarbeit oder spezialisierte Weiterbildungen.

Handlungsempfehlungen für KMU basierend auf Kompetenzklassen

Basierend auf den Analyseergebnissen unseres Berichts haben wir fünf zentrale Handlungsempfehlungen abgeleitet. Diese unterstützen produzierende Unternehmen dabei, ihre Qualifizierungsstrategien gezielt auf die vier Kompetenzklassen auszurichten:

1. Arbeitsintegrierte Lernformate stärke

Klassische Seminare stoßen in der operativen Taktung oft an ihre Grenzen. KMU sollten daher verstärkt auf niedrigschwellige, praxisnahe Lernformen setzen. Micro-Learning, Lerninseln direkt in der Produktion und kurze Reflexionseinheiten sorgen dafür, dass neues Wissen direkt in den Arbeitsalltag transferiert wird und die Hemmschwelle zum Lernen sinkt.

2. KI- und Datenkompetenzen durch Use-Case-Settings fördern

Theorie allein reicht nicht. Der Aufbau von Verständnis für Künstliche Intelligenz (KI), grundlegende Methoden des maschinellen Lernens sowie die Fähigkeit, Daten kompetent zu interpretieren (Data Literacy), muss konsequent an realen betrieblichen Daten ausgerichtet werden. KMU sollten anwendungsnahe Demonstratoren und führen Sie szenariobasierte Fehlersimulationen durch, um die Funktionsweise von KI-Systemen – inklusive ihrer Grenzen und Potenziale – für alle Mitarbeitenden erlebbar zu machen.

3. Simulationsgestützte Lernumgebungen für den Shopfloor

Für Aufgaben in der Mensch-Maschine-Interaktion sowie bei komplexen Prozessabläufen empfiehlt der Bericht den Einsatz moderner Lerntechnologien. Trainings, die auf Virtual Reality (VR) oder Augmented Reality (AR) basieren, sowie Lernfabriken und digitale Planspiele bieten hierfür einen geschützten Raum. Hier kann erfahrungsbasiertes Lernen stattfinden, und eine konstruktive Fehlerkultur wird aktiv gefördert, ohne das reale Produktionsrisiko zu erhöhen.

4. Digitale Kompetenzentwicklung strukturell verankern

Damit erworbenes Wissen nicht verpufft („Skill Obsolescence“), muss die Kompetenzentwicklung Teil der Unternehmensstrategie werden. KMU sollten entsprechende Prozesse fest in die Personalentwicklungintegrieren, ein regelmäßiges Kompetenzmonitoring etablieren und verbindliche, strategische Lernzeiten schaffen. Eine lernorientierte Führung, die den notwendigen zeitlichen Raum für die kontinuierliche Weiterbildung der Belegschaft schützt, ist hierbei der entscheidende Faktor.

5. Regionale Unterstützungsstrukturen aktiv einbinden

Der Wandel ist eine Gemeinschaftsaufgabe. KMU sollten regionale Digitalisierungs- und Transferstrukturen wie die Kompetenzzentren systematisch nutzen. Durch die Beteiligung an überbetrieblichen Lernnetzwerken profitieren Unternehmen vom Erfahrungsaustausch und sichern ihren Kompetenzaufbau langfristig und regional verankert ab.

Fazit: Lernen als integraler Teil der Arbeit

Der digitale Wandel ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein kontinuierlicher Lern- und Anpassungsprozess. KMU, die den Aufbau digitaler Kompetenzen nicht nur punktuell forcieren, sondern als dauerhafte Managementaufgabe in ihre betrieblichen Routinen integrieren, stärken nachhaltig ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Hintergrund: Der PAL-Monitoringbericht

Im PAL-Monitoringbericht werden regelmäßig aktuelle Themen der Arbeitswissenschaft betrachtet. Die Zusammenfassungen geben einen aktuellen Stand der Wissenschaft wieder und sollen Orientierung, Argumentationshilfen und Ansatzpunkte für die betriebliche Gestaltung bieten – von der digitalen Grundkompetenz bis hin zum Einsatz komplexer Assistenzsysteme.

Der vorliegende Beitrag basiert auf dem aktuellen Monitoringauswertungsbericht von Februar 2026 zum Thema „Aufbau und Sicherung digitaler Kompetenzen in produzierenden KMU“.

Autor / Autorin

  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsgebiet für Arbeitswissenschaft und Arbeitspsychologie (AWIP) an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg; Projektmitarbeiter im PAL-Projekt

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