René Kappel, Technologischer Leiter bei IMM electronics GmbH in Mittweida, hat den Entwicklungsprozess eines intelligenten Assistenzsystems zur ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung im Rahmen des Forschungsprojektes PerspektiveArbeit Lausitz (PAL) von Beginn an begleitet. Ziel war es, die Arbeitsbedingungen in der manuellen Montage zu verbessern und gesundheitliche Belastungen zu minimieren. Dabei hat sich für ihn klar gezeigt: Nicht die Technik allein entscheidet über den Erfolg, sondern vor allem die Art und Weise, wie sie eingeführt wird. Mit Workshop-Formaten wie Anti-Brainstorming zur Frontend-Gestaltung, Lego® Serious Play zur Durchführung einer Datenschutz‑Folgenabschätzung und der Auseinandersetzung mit KI‑Akzeptanz wurden die Produktionsmitarbeitenden von Beginn an einbezogen. Dabei ist für René Kappel deutlich geworden: eine frühzeitige, transparente Kommunikation und eine echte Beteiligung der Mitarbeitenden erhöhen die Akzeptanz spürbar und schaffen Vertrauen – auch bei sensiblen Themen wie der Nutzung eines datenbasierten Assistenzsystems zur Ergonomie-Unterstützung.
Diese Erfahrungen kommen ihm heute direkt zugute. Aktuell ist er im Unternehmen mitverantwortlich für einen Veränderungsprozess, bei dem verschiedene Anpassungen in der Produktion anstehen. Anders als früher setzt er konsequent auf Einbindung statt Information „von oben“. „Ich bin regelmäßig in der Produktion unterwegs und informiere die Kolleginnen und Kollegen über die geplanten Veränderungen. Und ich lade sie aktiv ein, Feedback, Fragen und eigene Ideen einzubringen.“ Dadurch entsteht seiner Einschätzung nach nicht nur ein besseres Verständnis für die anstehenden Schritte, sondern auch wertvoller Input aus der Praxis. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie er diese Erfahrungen heute in seiner Arbeit nutzt:
Herr Kappel, welche Erfahrung aus den Workshops zur Entwicklung des datenbasierten Assistenzsystems hat Sie persönlich am stärksten geprägt?
René Kappel: Ganz klar, die Erfahrung, wie herausfordernd echte Beteiligung der Mitarbeitenden in Veränderungsprozessen tatsächlich ist. Häufig wird davon gesprochen, bei der Einführung neuer Systeme „alle mitzunehmen“. In der Praxis bedeutet das jedoch oft vor allem, Informationen weiterzugeben – nicht aber, Mitarbeitenden wirklich die Möglichkeit zu geben, Einfluss zu nehmen oder Entscheidungen nachvollziehen zu können.
Gerade in den Workshops wurde deutlich, wie unterschiedlich die Perspektiven innerhalb eines Unternehmens sind. Je nach Rolle, Aufgabenbereich und täglicher Erfahrung entstehen ganz verschiedene Sichtweisen auf Probleme, Anforderungen und Lösungen. Viele dieser Perspektiven bleiben im Alltag unsichtbar, weil oft das Verständnis für die Herausforderungen anderer Bereiche fehlt.
Für mich war deshalb eine der wichtigsten Erkenntnisse: Ein datenbasiertes Assistenzsystem kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Menschen, die später damit arbeiten, frühzeitig und aktiv in die Entwicklung eingebunden werden – nicht nur als Empfänger von Informationen, sondern als echte Mitgestalter.
Warum spielt frühzeitige Kommunikation aus Ihrer Sicht eine so entscheidende Rolle bei Veränderungsprozessen?
René Kappel: Frühzeitige Kommunikation ist aus meiner Sicht entscheidend, weil sie echte Beteiligung überhaupt erst möglich macht. Nur wenn Mitarbeitende früh eingebunden werden, kann ihr Feedback aufgenommen, diskutiert und im besten Fall auch berücksichtigt werden. Erfolgt die Kommunikation erst spät im Prozess, sind viele Entscheidungen bereits getroffen – und der Raum für Anpassungen oder neue Ideen wird deutlich kleiner. Dadurch verliert Kommunikation schnell an Glaubwürdigkeit und Nutzen.
Gleichzeitig schafft frühe Einbindung ein wichtiges Gefühl von Transparenz und Mitgestaltung. Menschen erleben Veränderungen dann nicht als etwas, das „von oben“ vorgegeben wird, sondern als einen Prozess, an dem sie aktiv beteiligt sind. Gerade bei der Einführung neuer Technologien oder Systeme ist dieses Arbeiten auf Augenhöhe ein entscheidender Faktor für Akzeptanz und langfristigen Erfolg.
Wie reagieren die Mitarbeitenden in der Produktion auf die stärkere Einbindung und die regelmäßige Feedback‑Abfrage?
René Kappel: Die Reaktionen sind durchaus unterschiedlich. Entscheidend ist aus meiner Sicht vor allem, wie die Einbindung und die Feedback-Abfragen gestaltet werden. Wenn immer wieder dieselbe Methodik verwendet wird oder Beteiligung nur halbherzig erfolgt, entsteht schnell der Eindruck, dass Feedback zwar abgefragt, aber nicht wirklich ernst genommen wird. Das kann die Akzeptanz eher schwächen als stärken.
Eine besondere Herausforderung besteht außerdem darin, auch ruhigere oder zurückhaltendere Mitarbeitende zu erreichen und ehrliches Feedback sowie mögliche Sorgen sichtbar zu machen. Gerade diese Perspektiven gehen in klassischen Gesprächsrunden oft verloren.
Deshalb ist es wichtig, die Methoden zur Beteiligung abwechslungsreich und gut vorbereitet zu gestalten. Wenn Mitarbeitende merken, dass ihre Rückmeldungen tatsächlich gehört und berücksichtigt werden, wird die Einbindung sehr positiv wahrgenommen. Dann entsteht nach und nach das Gefühl, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten – und genau das sorgt am Ende dafür, dass die Veränderungen breit mitgetragen werden.
Würden Sie einen konkreten Moment mit uns teilen, in dem Sie das Feedback der Mitarbeitenden im PAL-Projekt oder auch im aktuellen Change-Prozess überrascht oder Ihre Planung verändert hat?
René Kappel: Da gab es tatsächlich mehrere Momente. Besonders spannend war für mich der Einsatz von Lego® Serious Play®, um Risiken und Herausforderungen rund um ein datenbasiertes Assistenzsystem sichtbar zu machen. Dabei kamen Aspekte und Sorgen zur Sprache, die ich zuvor überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Gerade durch die kreative Methodik wurden Themen greifbar, die in klassischen Gesprächsrunden vermutlich nie so offen angesprochen worden wären.
Am stärksten beeindruckt hat mich jedoch der Unterschied im Veränderungsprozess zwischen Mitarbeitenden, die aktiv in das Projekt eingebunden waren, und denen, deren Meinung lediglich punktuell abgefragt wurde. Die aktiv Beteiligten hatten deutlich mehr Verständnis für Entscheidungen und Herausforderungen im Projektverlauf. Gleichzeitig standen sie viel stärker hinter den erarbeiteten Ergebnissen und haben Veränderungen wesentlich konstruktiver mitgetragen.
Das hat mir sehr deutlich gezeigt, dass echte Beteiligung weit mehr bewirkt als reine Information oder Feedback-Abfragen – sie schafft Verständnis, Vertrauen und am Ende auch Akzeptanz.
Welche Empfehlungen geben Sie anderen Unternehmen, die vor ähnlichen Veränderungen stehen und mehr Akzeptanz schaffen möchten?
René Kappel: Ich würde Unternehmen vor allem drei Dinge empfehlen.
Erstens: frühzeitig und auf Augenhöhe kommunizieren. Veränderungen werden deutlich besser angenommen, wenn Mitarbeitende von Anfang an verstehen, warum etwas verändert wird und das Gefühl haben, Teil des Prozesses zu sein – nicht nur Empfänger von Entscheidungen.
Zweitens: Feedback-Prozesse sehr bewusst und sorgfältig gestalten. Ehrliches Feedback entsteht nicht automatisch. Gerade zurückhaltendere Mitarbeitende äußern ihre Sorgen oder Kritik oft nicht offen, obwohl genau diese Perspektiven entscheidend sein können. Deshalb braucht gute Beteiligung Zeit, passende Methoden und eine vertrauensvolle Atmosphäre. Dieser Aufwand lohnt sich, weil fehlendes oder unausgesprochenes Feedback am Ende über Erfolg oder Misserfolg eines Veränderungsprozesses entscheiden kann.
Und drittens: damit rechnen, dass es gerade am Anfang auch Rückschläge oder Fehleinschätzungen geben wird. Nicht jede Herausforderung lässt sich allein durch gutes Change-Management lösen. Manche Widerstände haben tiefere Ursachen, die über den eigentlichen Veränderungsprozess hinausgehen. Umso wichtiger ist es, geduldig zu bleiben, offen zuzuhören und Veränderungen als kontinuierlichen Lernprozess zu verstehen.
Was nehmen Sie außerdem konkret für sich aus dem Projekt PerspektiveArbeit Lausitz mit?
René Kappel: Aus dem PAL-Projekt nehme ich vor allem mit, wie wichtig Offenheit und kontinuierlicher Austausch in Veränderungsprozessen sind. Veränderungen sollten nicht nur einmal erklärt werden – entscheidend ist, immer wieder mit den betroffenen Mitarbeitenden ins Gespräch zu gehen und ihre Sichtweisen ernst zu nehmen.
Die Workshops haben dafür sehr viele wertvolle Impulse geliefert. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass viele Eindrücke erst mit etwas Abstand wirken. Oft setzen sich Diskussionen und Erlebnisse erst im Nachgang richtig und führen später noch zu weiterem Feedback oder neuen Ideen. Deshalb endet Beteiligung nicht mit einem Workshop, sondern ist ein fortlaufender Prozess.
Für mich war das eine wichtige Erkenntnis: Gute Veränderungen entstehen nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch einen offenen Dialog, der über den gesamten Prozess hinweg bestehen bleibt.
Vielen Dank, Herr Kappel, für Ihre Offenheit!
Für Unternehmen, die ähnliche Wege gehen möchten, bieten die Leitfäden von PerspektiveArbeit Lausitz eine praxisnahe Inspiration für Beteiligung, Kommunikation und einen erfolgreichen Wandel.
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