Von der Fabrikhalle bis zum Besprechungsraum – überall entstehen heute Daten. Maschinen messen, ERP-Systeme buchen, Mitarbeitende erfassen. Doch zwischen dem bloßen Vorhandensein von Daten und ihrer sinnvollen Nutzung klafft in vielen Unternehmen noch eine beachtliche Lücke. Genau hier setzte PAL mit Praxisprojekten bei der HQM Tubes GmbH, der Grötschel GmbH, voestalpine und dem der Formteil und Schraubenwerk Finsterwalde GmbH an.
Mitte 2026 sind nunmehr in allen vier Unternehmen die entwickelten Dashboardlösungen im produktiven Einsatz.
Hinter den Lösungen stecken einerseits Martin Hahmann, Informatiker an der Technischen Universität Dresden und andererseits engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Unternehmen.
Was das Arbeitsprinzip war: kein fertiges Produkt von der Stange, sondern Entwicklungsprozesse in ständiger Rückkopplung mit den Unternehmensverantwortlichen. Das bedeutet: Anforderungen aufnehmen, erste Prototypen bauen, Feedback einholen, verbessern – und diesen Zyklus so lange wiederholen, bis die Lösung wirklich passt.
Blick auf die Anlage: Der Schichtwechsel als Nagelprobe
Einer der ersten Einsatzbereiche ist die Fertigungshalle. Bei HQM wurden Maschinen- und Anlagendaten zwar bereits digital erfasst, doch die Auswertung blieb der Fertigungsleitung vorbehalten – und geschah manuell. Für die Mitarbeitenden an der Anlage selbst wurden kaum aufbereitete Informationen bereitgestellt.
Das neu entwickelte Schichtwechsel-Dashboard änderte das grundlegend. Auf einem Monitor, der direkt über der Anlage installiert wurde, werden seit kurzem die letzten drei Schichten visualisiert: Ein farblich codierter Zeitstrahl macht auf einen Blick sichtbar, wann produziert wurde und wann die Anlage stillstand. Für jede Schicht gibt es einen eigenen Infoblock, der Produktionsergebnisse sowie Gründe und Dauer von Stillständen – ob Wartung oder Fehler – übersichtlich auflistet.
Schichtübergaben, die früher mühsam mündlich oder per Zettelwirtschaft abgewickelt wurden, verlaufen heute reibungsloser. Alle relevanten Informationen sind jederzeit einsehbar, Missverständnisse gehören der Vergangenheit an.
Schluss mit Zettelwirtschaft: Auftragsstatus für alle sichtbar
Ein zweites Problem kennt nahezu jedes Unternehmen mit mehreren Abteilungen: Wer hat gerade welchen Auftrag in Bearbeitung, und wie ist der Stand? In der Grötschel GmbH waren zwar alle Auftragsdaten und Arbeitszeiten in einem zentralen ERP-System erfasst, aber nicht der tatsächliche Auftragsfortschritt. Regelmäßige Abstimmungsrunden stützten sich auf manuell gepflegte Excel-Tabellen.
Das neu entwickelte Projektstatus-Dashboard liest die Daten aus dem ERP und macht Projektstände, Termine und Budgets abteilungsübergreifend in Echtzeit zugänglich. Manuelle Aufwände für die Informationsaufbereitung entfallen.
Kennzahlen direkt am Arbeitsplatz: Jeder sieht, was er braucht
Im Schraubenwerk werden Kennzahlen zur SOLL-Ausbringung genutzt, um Mitarbeitende in der Fertigung über die Zielerreichung zu informieren. Früher war dieser Prozess jedoch sehr aufwendig: Daten mussten manuell aus verschiedenen Systemen gesammelt, in Excel aufbereitet und anschließend als Präsentationen verteilt werden. Mit der Einführung eines automatisierten Zugangs zu den Produktionsdaten wurde ein Kennzahlen-Dashboard entwickelt, das aktuelle Kennzahlen direkt und übersichtlich darstellt – für einzelne Maschinen, Gruppen oder ganze Bereiche. Die Daten werden nun automatisch am Ende jeder Schicht aktualisiert und können individuell an verschiedenen Arbeitsplätzen angezeigt werden. Der manuelle Aufwand beschränkt sich auf wenige Einstellungen, während alle Schichtergebnisse automatisch gespeichert werden und für spätere Analysen genutzt werden können. Die jeweils relevanten Kennzahlen für jeden Arbeitsplatz in der Fertigung werden automatisch an den entsprechenden Bildschirm übertragen. Dadurch werden Abweichungen vom Soll sofort sichtbar und können unmittelbar adressiert werden. Die Lösung schafft eine neue Qualität von Transparenz: nicht als einheitlicher Datenberg, sondern als gezielte, rollengerechte Information.
Auftragshistorien nutzbringend auswertbar machen
Der vierte Anwendungsfall ist die Analyse technologischer Parameter historischer Fertigungsaufträge, um abzuschätzen ob und mit welchen technologischen Parametern neue Kundenanforderungen erreicht werden können. Auch er greift direkt auf das ERP-System zu – diesmal mit dem Fokus auf abgewickelte Aufträge. Über eine benutzerfreundliche Oberfläche können Aufträge nach verschiedenen Kriterien gefiltert und ausgewertet werden: nach Zeitraum, Lieferant oder anderen relevanten Parametern.
Was früher eine aufwändige manuelle Datenauswertung erforderte und nur einen Teil der Informationen nutzte, ist nun mit wenigen Klicks erledigt. Technologen erhalten damit ein mächtiges Werkzeug zur Prozessoptimierung.
Der Schlüssel zum Erfolg: Nah am Menschen und Prozessen entwickeln
Was all diese Lösungen verbindet, ist nicht nur ihre technische Qualität – es ist die Art, wie sie entstanden sind. Es ging nicht nur um einen iterativen Entwicklungsprozess der Dashboards: es ging auch um die Einbeziehung der späteren Nutzerinnen und Nutzern und um die Berücksichtigung organisatorischer Prozesse. Die positive Wirkung daraus zeigt sich in den ersten Feedback-Auswertungen. Die Lösungen treffen in den Unternehmen auf hohe Akzeptanz und Interesse. Diese Beispiele zeigen auch, es braucht keine teuren Standardsoftwarepakete. OpenSource-Lösungen leisten einen Beitrag zur Datensouveränität der Unternehmen und schaffen Spielraum für eigene Weiterentwicklungen entsprechend ihres Bedarfs.



