Aus einem praxisnahen Innovationsprojekt wird ein eigenständiges Unternehmen: Das Startup Implix GmbH ist aus dem regionalen Kompetenzzentrum der Arbeitsforschung PerspektiveArbeit Lausitz (PAL) hervorgegangen. Bei der Entwicklung neuer Ansätze für die Arbeitswelt von morgen setzten sich die Forschenden auch mit dem Thema Erfahrungswissen und der Frage, wie dieses auch beim Ausscheiden langjähriger Mitarbeitender erhalten bleiben kann, auseinander.

Mit Implix werden die entstandenen Ansätze und Technologien nun in ein marktfähiges Produkt überführt. Es soll Unternehmen dabei unterstützen, wertvolles Wissen zu sichern, zugänglich zu machen und langfristig zu nutzen.

Wir haben mit Geschäftsführer Dr. Sebastian Junghans darüber gesprochen, wie aus einem Forschungs- und Strukturwandelprojekt eine Geschäftsidee wurde und warum er darin großes Zukunftspotenzial sieht.

Herr Dr. Junghans, welche Rolle hatten Sie im Projekt PerspektiveArbeit Lausitz und woran haben Sie konkret gearbeitet?

Dr. Sebastian Junghans: Ich war wissenschaftlicher Mitarbeiter der Westsächsischen Hochschule Zwickau und habe im Praxisprojekt „Digital gestützte Personalentwicklung“ im Team mit ATB Arbeit, Technik und Bildung gGmbH, Bildungswerk der sächsischen Wirtschaft und dem Fachkräftenetzwerk Oberlausitz zusammengearbeitet. Dort ging es um die Frage, wie digitale Assistenzsysteme kleine und mittlere Unternehmen in der Kompetenzentwicklung unterstützen können, gerade bei Generationenwechsel, der Einführung neuer Maschinen und wachsenden Anforderungen. Mein Fokus lag darauf, Fach- und Führungskräfte mit attraktiven, modernen Lernangeboten zu befähigen, insbesondere rund um moderne Arbeitsgestaltung und den Einsatz von KI.

Was war aus Ihrer Sicht die zentrale Idee oder Herausforderung, die PAL adressieren wollte?

Dr. Sebastian Junghans: Die Lausitz steht mitten im Strukturwandel, und gleichzeitig geht eine ganze Generation erfahrener Fachkräfte in Rente. Genau diese Lücke wollte PAL adressieren. Es ging um die Frage, wie Unternehmen Kompetenzen sichern und weiterentwickeln, wenn wertvolles Erfahrungswissen droht, mit den Menschen das Unternehmen zu verlassen. In der Zusammenarbeit mit unseren Partnerunternehmen, etwa Team Umweltanalytik GmbH und Packwell GmbH & Co. KG in Schwepnitz, hat sich immer wieder dasselbe gezeigt. Gerade kleineren und mittleren Betrieben fehlen die Zeit und oft auch die Kompetenzen, um dieses Wissen systematisch weiterzugeben, obwohl ihre Zukunftsfähigkeit genau daran hängt.

Wann wurde Ihnen klar, dass aus den Ergebnissen von PAL mehr entstehen kann?

Dr. Sebastian Junghans: Klar wurde es mir bei unserer eigenen Arbeit. Wir haben gemerkt, wie viel Zeit die Aufbereitung des Wissens kostet, sowohl bei den Interviews als auch beim Erstellen der Lerninhalte. Man muss sich erst tief in einen Prozess einarbeiten, um in einem Interview überhaupt die richtigen Fragen stellen zu können. Genau da wurde mir klar, dass moderne KI-Methoden hier enorm unterstützen können. Wir haben das mit kleinen Prototypen ausprobiert und sofort gesehen, dass es funktioniert. In der anschließenden Evaluierung hat sich bestätigt, dass die Ergebnisse korrekt und belastbar waren. Spätestens da war für mich klar, dass hier weit mehr entstehen kann als ein Forschungsergebnis.

Wie genau ist die Idee für Implix entstanden und was war der entscheidende Auslöser für die Ausgründung?

Dr. Sebastian Junghans: Die eigentliche Idee war der Learning Cycle, ein Konzept, das ich selbst entwickelt habe. Wir haben ihn auf vielen Vorträgen vorgestellt und erste Ergebnisse daraus gezeigt. Die Rückmeldung der Unternehmen war immer dieselbe. Sie fanden den Ansatz sehr zukunftsträchtig und sagten, dass sie genau so ein Werkzeug bräuchten. Klassische RAG-Systeme können hier aus meiner Sicht nicht mithalten. Da das PAL-Projekt bald ausläuft und der Aspekt „Time to Market“ für uns entscheidend ist, wollten wir keine Zeit verlieren. Also haben wir uns entschieden, die Ausgründung frühzeitig zu starten und uns ganz der Umsetzung des Learning Cycles zu widmen. Möglich wurde das durch das Technologiegründerstipendium der Sächsischen Aufbaubank, ohne das eine Ausgründung in dieser Phase gar nicht denkbar gewesen wäre. Mit meinen zwei Kollegen arbeite ich schon seit rund acht Jahren an der Hochschule zusammen, und wir kennen uns auch privat gut. Ich war von Anfang an überzeugt, dass die beiden die Idee mittragen und technisch wie unternehmerisch umsetzen können.

Welche Erfahrungen und Erkenntnisse aus PAL konnten Sie direkt in die Entwicklung von Implix einbringen?

Dr. Sebastian Junghans: Der größte Vorteil ist, dass Implix nicht am Reißbrett entstanden ist, sondern direkt aus der Forschung mit echten Unternehmen. Aus PAL bringen wir mehrere Dinge mit. Zum einen fundiertes Wissen aus dem Prozessmanagement, mit dem wir eine saubere Prozessanalyse durchführen können. Darauf baut unser Learning Cycle auf, eine wissenschaftlich fundierte und in der Praxis evaluierte Methode. Zum anderen haben wir erforschte didaktische Methoden, um Erfahrungswissen so aufzubereiten, dass daraus wirklich brauchbare Lerninhalte entstehen. Und wir haben die soziale Komponente der Interviews gut untersucht, also wie man Menschen im Gespräch abholt und Vertrauen schafft, damit sie ihr Wissen auch wirklich teilen. Dazu kommt ein realistisches Bild davon, wie kleine und mittlere Unternehmen tatsächlich arbeiten, nämlich mit wenig Zeit und ohne eigene IT. Genau darauf ist Implix zugeschnitten.

Was bietet Implix konkret – und welches Problem lösen Sie für Unternehmen?

Dr. Sebastian Junghans: Das größte Problem im Mittelstand ist, dass wertvolles Erfahrungswissen in den Köpfen einzelner Menschen steckt und verloren geht, sobald diese das Unternehmen verlassen. Gleichzeitig fehlt die Zeit, dieses Wissen aufzuschreiben. Genau hier setzt Implix an. Wir bilden mit unserem Learning Cycle einen durchgehenden Ablauf ab. Zuerst analysieren wir mit KI die relevanten Prozesse. Auf dieser Basis führt ein KI-Interview-Avatar strukturierte Gespräche mit den erfahrenen Mitarbeitenden und macht so ihr implizites Wissen sichtbar. Aus dieser Wissensbasis entstehen dann automatisch lebendige Lerninhalte, die für Onboarding und Qualifizierung nutzbar sind. Darüber hinaus liefern wir auf derselben Wissensbasis auch Vorschläge zur Prozessoptimierung sowie Entscheidungs- und Vorschlagssysteme, die zeigen, wo sich der Einsatz von KI und Automatisierung lohnt. So bleibt das Wissen im Unternehmen, die Einarbeitung wird schneller, erfahrene Teammitglieder werden entlastet, und die Betriebe erkennen zugleich, wo sie sich weiterentwickeln können.

Wer ist Ihre wichtigste Zielgruppe und in welchen Branchen sehen Sie aktuell den größten Bedarf?

Dr. Sebastian Junghans: Unsere wichtigste Zielgruppe ist der Mittelstand, also Unternehmen mit etwa 50 bis 500 Mitarbeitenden in wissens- und prozessintensiven Branchen. Den größten Bedarf sehen wir aktuell in der Fertigung und Industrie, bei technischen Dienstleistern und Laboren sowie in Pflege und Gesundheit, also überall dort, wo der Fachkräftemangel und der Generationenwechsel besonders stark zuschlagen. Wir starten bewusst in Sachsen und der Lausitz, weil wir die Betriebe hier kennen und aus der gemeinsamen Arbeit wissen, wo der Schuh drückt. Von dieser Basis aus wollen wir den Mittelstand im gesamten deutschsprachigen Raum erreichen. Zusätzlich arbeiten wir mit Anbietern von Lernplattformen zusammen, die Implix als vorgelagerte Wissensschicht in ihre Systeme integrieren.

Was unterscheidet Implix aus Ihrer Sicht von bestehenden Lösungen im Bereich Wissensmanagement und Erfahrungswissen?

Dr. Sebastian Junghans: Der entscheidende Unterschied ist einfach erklärt. Die meisten bestehenden Lösungen, etwa klassische Wikis, Dokumentenablagen oder auch moderne KI-Assistenten, können immer nur das Wissen finden und wiedergeben, das bereits irgendwo aufgeschrieben wurde. Das wertvollste Wissen in einem Unternehmen steht aber nirgends. Es steckt in den Köpfen erfahrener Menschen und wurde nie dokumentiert. Genau dieses verborgene Wissen holt Implix hervor, indem unser KI-Avatar diese Personen strukturiert befragt.

Es gibt zwar inzwischen auch Systeme, die Wissen KI-gestützt erfassen, doch diese bleiben meist auf einem einfacheren Niveau. Ihnen fehlt die vorgelagerte Prozessanalyse, und ihre Fragen gehen nicht in die nötige Tiefe. Bei uns sorgt genau diese Prozessanalyse dafür, dass der Avatar im Interview die richtigen und tiefgehenden Fragen stellt.

Der zweite große Unterschied ist, dass wir das Wissen nicht nur erfassen, sondern auch wieder aktivieren. Über die Lernkurse fließt es zurück in das Unternehmen, und durch Prozessoptimierung und Automatisierungsvorschläge steigern wir zusätzlich die Effizienz. Wir bauen also nicht einfach eine weitere Informationssenke, in der Wissen abgelegt wird und liegen bleibt. Wir machen das Wissen wieder lebendig und wertvoll für den Betrieb. Das Ganze ist wissenschaftlich fundiert und in der Praxis erprobt und so gebaut, dass auch kleinere Unternehmen ohne eigene IT-Abteilung damit arbeiten können.

Warum sind Sie überzeugt, dass Ihr Ansatz so zukunftsfähig ist, dass daraus ein nachhaltiges Geschäftsmodell entstehen kann?

Dr. Sebastian Junghans: Ich bin aus mehreren Gründen überzeugt. Der wichtigste ist, dass das Problem, das wir lösen, in den nächsten Jahren nicht kleiner wird, sondern größer. Der Fachkräftemangel und der demografische Wandel sorgen dafür, dass immer mehr erfahrene Menschen aus den Unternehmen ausscheiden und ihr Wissen mitnehmen. Hinzu kommt die große Welle an Firmenübergaben und Übernahmen, die gerade im Mittelstand ansteht. Auch dabei muss Wissen strukturiert gesammelt und verfügbar gemacht werden, damit ein Betrieb nach der Übergabe weiter funktioniert. Der Bedarf, Wissen zu sichern, wächst also gleich aus mehreren Richtungen.

Der zweite Grund ist, dass uns die schnelle Entwicklung der künstlichen Intelligenz nicht überflüssig macht, sondern im Gegenteil stärker. Unser Wert liegt nicht im einzelnen KI-Modell, sondern in unserer Methode, dem Learning Cycle, in der Prozessanalyse und in der didaktischen Aufbereitung. Wir arbeiten bewusst modellunabhängig und werden mit jeder neuen Generation von KI besser.

Dazu kommt, dass wir eine Lücke besetzen, die bisher kaum jemand füllt, und dass wir über Partner gut skalieren können. Dass wir auf dem richtigen Weg sind, zeigt sich schon heute. Wir haben bereits zehn Kunden und sind mit einem Anbieter von Lernmanagementsystemen eine strategische Kooperation eingegangen. Diese Resonanz bestätigt uns in unserer Überzeugung.

Wie haben Sie persönlich den Schritt vom Projektverantwortlichen zum Startup-Geschäftsführer erlebt – und was motiviert Sie dabei besonders?

Dr. Sebastian Junghans: Für mich hat sich der Schritt nicht wie ein Risiko angefühlt, sondern wie eine neue Herausforderung. Nach der akademischen Laufbahn und der Promotion war für mich der richtige Zeitpunkt gekommen, etwas Eigenes aufzubauen. Ehrlich gesagt hat es sich von Anfang an richtig angefühlt, weil wir aus ganz vielen Richtungen Unterstützung bekommen haben. Sachsen ist ein hervorragendes Land, um ein Start-up zu gründen. Mit Netzwerkpartnern im Rücken haben wir schnell Sichtbarkeit gewonnen und schon früh unsere ersten zahlenden Kunden erreicht.

Was mich besonders antreibt, ist, dass ich die Idee von Anfang an selbst entwickelt habe und daraus nun gemeinsam mit meinen beiden Partnern ein ganzes Unternehmen entstehen lasse. Ich bin nicht mehr nur der Data Scientist, der am Rechner sitzt und programmiert, sondern ich gestalte das gesamte Unternehmen mit. Wir können unsere eigenen Ideen umsetzen, und genau diese Freiheit, diese Kreativität und der Spaß am Gestalten sind für uns der größte Antrieb. Passend zu unserem Thema sehen wir auch Fehler nicht als Rückschlag, sondern als neue Wissensquelle, aus der wir lernen und es beim nächsten Mal besser machen.

Und dann ist da das Feedback der Unternehmen. Wir bekommen immer wieder sehr positive Rückmeldungen, und die Betriebe freuen sich, wenn wir die Lösung weiterentwickeln. Diese Begeisterung der Kunden nehmen wir sehr gern auf, sie gibt uns Energie und bestätigt uns jeden Tag in dem, was wir tun.

Herr Dr. Junghans, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für Implix!

Im Gespräch mit Dr. Sebastian Junghans: Katrin Meusinger, Silicon Saxony e.V., PAL-Netzwerkpartner

Autoren / Autorinnen

  • Leiterin des Fachbereichs People & Skills des Branchen-Netzwerks Silicon Saxony e.V.; Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit im PAL-Projekt

  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Westsächsischen Hochschule Zwickau; Betreuung betrieblicher Schwerpunktprojekte im PAL-Projekt

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